Fütterungstipps Herbst/Winter


Fütterungstipp Herbst / Winter

Die Bereitschaft, dem dramatischen Rückgang unserer frei lebenden Wildvögel durch die Ganzjahresfütterung zu begegnen, ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Die Menschen in unserem Land realisieren mittlerweile, wie wichtig, wie nützlich und wie logisch/sinnig die Zufütterung doch ist - und sie trifft den Zeitgeist unserer Gesellschaft. Diese Tatsache sollte der Zoofachhandel immer vor Augen haben.

Prof. Dr. Peter Berthold, langjähriger Direktor des Max-Planck-Institutes für Ornithologie und ehemaliger Direktor der Vogelwarte Radolfzell hat seine Forschungen hierzu in seinem Buch: Vogel füttern - aber richtig wie folgt beschrieben:
"In vielen Ratgebern liest man, die Winterfütterung sollte erst beginnen, wenn es richtig Winter geworden ist - konkret erst bei Abfall der Temperatur auf -5°C, mit anschließendem Dauerfrost und möglichst noch geschlossener Schneedecke!!! Das ist mit die unsinnigste Empfehlung, die man sich im Hinblick auf die Zufütterung denken kann. Sie macht etwa so viel Sinn, als hätte man der Bevölkerung in der Nachkriegszeit empfohlen, sich nach neuen Lebensmitteln erst dann umzusehen, wenn die alten aufgebraucht sind. Damit wären bei der damaligen Lebensmittelknappheit viele auf der Strecke geblieben - und genau die Gefahr droht Vögeln mit obiger Empfehlung bei dem allgemeinen Mangel an Nahrung in unseren ausgeräumten Landschaften."

Um das zu verstehen, muss man sich nur Folgendes klarmachen. Ein meisengroßer Vogel verliert in einer Winternacht etwa 10 % seiner Körpermasse. (Bei uns Menschen würde das eine Gewichtsabnahme von 8 kg!!! bei einem Körpergewicht von 80 kg in einer Nacht bedeuten. Unvorstellbar, oder?) Am darauffolgenden Tag muss der Gewichtsverlust unbedingt wieder ausgeglichen werden, damit der Vogel auch die nächste Nacht überleben kann. Um diesen Ausgleich zu erreichen, ist er schon ab dem frühen Morgen auf hochwertige Nahrung angewiesen. Andernfalls kann er schnell in einen kritischen Ernährungszustand geraten, da er ohne Nahrungsaufnahme bereits nach etwa einem Tag so "leer gebrannt" ist, dass er sich nicht mehr erholen kann. Damit ist klar: Wenn dem Vogel eine Futterstelle im Winter helfen soll, dann muss er sie kennenlernen können, bevor kritische Winter-bedingungen einsetzen, damit er sie dann ohne langes Suchen unverzüglich nutzen kann. Um das sicherzustellen, muss bereits lange vor der eigentlichen Winterperiode mit der Fütterung begonnen werden.

Wer nicht ohnehin eine sinnvolle Ganzjahresfütterung betreibt, sollte mit der Winterfütterung spätestens ab September beginnen, also im Spätsommer oder früher und das aus drei guten Gründen:

1. Zu dieser Zeit sind bei uns die meisten Jungvögel ausgeflogen und streifen weit umher, um sich nach Verlassen der elterlichen Brutreviere ihre eigenen Lebensräume zu suchen.

2. Standvögel halten in dieser Zeit v.a. auch nach geeigneten Überwinterungsplätzen Ausschau, und wenn sie dabei bereits eine gute Futterstelle finden, ist das u.U. schon ihre "Überlebens-Versicherung" bis zur nächsten Brutsaison.

3. Viele Jungvögel leben im September auch noch im Familienverband mit ihren Eltern, von denen sie bei früh einsetzender Fütterung häufig zu Futterstellen hingeführt werden. Dadurch lernen Sie Futterplätze kennen, in deren Nähe sie sich dann auch bevorzugt ansiedeln können. Bei Fütterbeginn ab September oder früher haben auch noch viele später wegziehende Arten wie Star, Rotkehlchen, Mönchsgrasmücke u.a. eine Chance, Futterstellen noch vor dem Wegzug kennenzulernen, die sie sich leicht merken und dann nach Rückkehr im Spätwinter oder Frühjahr bei Nachwintereinbrüchen gezielt nutzen können.

Frühzeitiger Fütterungsbeginn gibt somit vielen Individuen die Möglichkeit, Futterstellen zu entdecken, was später im Jahr nur noch begrenzt möglich ist. Für den Vogelfütterer bedeutet das zudem, auf diese Weise eine möglichst große bunte Schar an Futtergästen erleben und genießen zu können.
(Text: GEVO)